NEUE TEXTE
von Nora Mansmann

Es gibt bereits einiges an Material für verschiedene neue Texte, sowohl Dramatik als auch Prosa, es gibt Figuren, Szenen, Situationen, Dialoge, aber noch keine Geschichten, die ich hier erzählen kann. Meine offenbar für mich spezifische, sehr ungewöhnliche Arbeitsweise beginnt nicht mit einer im Vorfeld konstruierten Handlung oder mit einer Themensetzung, sondern geht kleinteilig, formal und assoziativ vor. Ich arbeite mit dem literarischen, dem sprachlichen Material, das ich tagtäglich produziere, und das natürlich in enger Verbindung steht zu den Geschichten, die ich erlebe und erzählen will, und zu den Themen, die mich bewegen. Nur geschieht die Beschäftigung damit nicht vorsätzlich oder gezwungen oder auch nur bewusst. Stattdessen entsteht als Reaktion auf meine Umwelt, mein Leben hin und wieder ein literarischer Satz: bereits transformiert.

Jeder literarischer Satz, jedes Bruchstück, ist ein neuer Baustein für mein strukturelles, motivisches, musikalisches, assoziatives, inhaltliches, intertextuelles literarisches Spiel: knüpf mit dem Text das dichtestmögliche Netz von Bedeutungen auf allen Ebenen. Der Satz, das Bruchstück muss nicht dort stehen bleiben, wo es aus dem Notizbuch heraus Tage nach dem Aufschreiben zuerst platziert wurde, instinktiv. An seinem Ort, seinen Orten im Stück bekommt das Bruchstück neben seinem Entstehungszusammenhang nun auch einen inhaltlichen Zusammenhang zu seiner Umgebung. Und es verändert seine Umgebung durch seine Neuankunft. Es kann verschoben werden, als Teil eines neuen Textabschnitts, der es inzwischen geworden ist, oder allein. Ein Satz kann wandern, kann wiederholt, kann durchgeführt, kann zum musikalischen Motiv werden, zum Schlüsselsatz, oder sich vollständig verändern. Das Netz wächst immer weiter, immer dichter zusammen, und langsam entstehen Figuren und werden plastisch, Situationen, Szenen immer klarer, ein Handlungsverlauf, Geschichten, ein Thema. So läuft’s.

Ich weiß schon was darüber, was mich interessiert und bewegt, also über meine Themen, aber ich schreibe nicht „ein Stück über…“. Das ist uninteressant. Mein Schreiben bezieht seine besondere Qualität aus der oben geschilderten Arbeitsweise, an deren Beschreibung ich seit Jahren laboriere. Und nebenbei: Ich beziehe meinen Lustgewinn beim Schreiben – darum geht’s – ebenfalls aus dieser Arbeitsweise. Und deshalb werde ich sie beibehalten. Aber ich kann sagen, was mich interessiert und bewegt: Die unglücklich-glückliche Liebe. Hartz IV. Der Sieg? des Kapitalismus. Wem gehört die Stadt?! Oder mein Kiez? Privatisierung, Kontrolle und Überwachung des öffentliches Raumes. Öffentlichkeit? Gentrifizierung. Disziplinierung. Stigmatisierung. Inszenierung oder Tilgung von Geschichte. Utopie. Wie wollen wir leben und arbeiten? Und warum machen wir’s nicht einfach?! Was ist mit den Überflüssigen, den Menschen an den Rändern?! Was passiert mit mir, wenn ich plötzlich zu denen gehöre? Was passiert da mit meiner Identität??? Ich erfahre am eigenen Leib, dass der Kapitalismus das Leben der Menschen deformiert bis in ihre Beziehungen, bis in ihre Körper hinein. Das interessiert mich. Darüber schreibe ich.